Fiasko
Im letzten Clubheft wurden wir stolzen Gos d`Atura Besitzer ja nun mehrfach und von verschiedenen Seiten aufgefordert, über unsere Erfahrungen mit unseren Lieb(?)lingen zu berichten.
Also ran an die Arbeit. :-)
Wir sind mit dem Auto von Aachen nach La Coruna 1800 km (eine Strecke) gefahren, um uns unseren Traumhund zu holen. Als ich das Zuchtgelände und diese muntere Rasselbande sah, befiel mich eine unglaubliche Panik, und ich bekam eine leichte Vorahnung, was auf uns zukommen sollte, ohne das wirkliche Ausmaß zu kennen.
Trotzdem oder vielleicht deswegen nannten wir unseren Welpen „Fiasko“.
Ich träumte von Anfang an von einem „gut erzogenen Hund“. Ich stellte mir darunter einen Vierbeiner vor, der meinen Weg geht und ich am Ende keinen Orthopäden benötige, weil ewig 15 Kilo an der Leine und damit an meiner Schulter ziehen.
Obwohl ich meine Vorstellungen nicht allzu hochgeschraubt fand, ahnte ich, ohne professionelle Hilfe geht es nicht. Also musste eine Hundeschule her, aber welche? Ich landete auf Empfehlung bei „Natural Dogmanship“, d. h. , eine Erziehungsmethode, die den Instinkten des Hundes folgt.
Keine Schläge, keine Strafen, kein Gezerre am Halsband und kein Gebrülle auf dem Hundeplatz. Ganz in meinem Sinne. Würgehalsbänder und Elektroschocks waren sowieso absolutes Tabu. Bis dahin wusste ich noch nicht einmal, dass so etwas zur Hundeerziehung überhaupt verwendet wird. In welcher Traumwelt lebte ich eigentlich? Einmal pro Monat fanden Themenabende statt. Ich lernte alles über Rangordnung, Jagdinstinkte, Kommunikation unter Hunden etc., etc.
Dazu parallel durchliefen Fiasko und ich diverse Hundeschulgruppen, immer dem Alter des Hundes entsprechend:
1. Welpengruppe: ungehemmtes Toben, Hetzen und Kräftemessen, prima.
2. Teenagergruppe: pubertierende Junghunde , das war unsere schwerste Phase, schrecklich.
3. Agility: hier waren wir natürlich besonders gut, super.
4. Service-Hunde-Gruppe: Rollstuhlfahrer, Blinde und wir zusammen in einer Gruppe.
Fiasko hebt heute locker Cent-Stücke auf, sammelt Müll von der Straße in eine Tasche, apportiert Wäscheklammern und kann viele andere Dinge fürs tägliche Miteinander erledigen.
Eben wie ein Service- Hund . Aber egal in welchem Alter Fiasko war, ist und sein wird, Futter gab und gibt es nur aus dem Futterbeutel(=Dummy), aber niemals aus einem Napf. Sie muss sich stets ihr Futter aus diesem Säckchen verdienen.
Unsere täglichen Spaziergänge sind kleine Jagdpartien. Der Dummy ist ständiger Begleiter. Er muss von Fiasko z. B. im Unterholz, auf Holzstapeln, unterm Laub, eingebuddelt im Sand, hinter Hütten oder/und aus Mülleimern gesucht werden, je nachdem, was uns die Umgebung zur Auswahl stellt.
Während ich den Dummy verstecken gehe, lege ich meine Hündin am Wegrand ab und sie geduldet sich so lange. Aus Vorfreude auf die bevorstehende Jagd, ist der Hund sowieso bis in die letzte Haarspitze gespannt. (Bei „Sauwetter“ kann auch mal die Wohnung als „Jagdrevier“ dienen.) Ich (=Alpha) bestimme, ob, wann und wie viel Fiasko von unserer gejagten und apportierten Beute abbekommt, abhängig natürlich von der Arbeitsbereitschaft und dem – Willen des Hundes.
Er entscheidet, ob und wie fleißig er arbeiten möchte. Nichts anderes passiert in einem Rudel. Man geht gemeinsam Jagen, die Beute wird geteilt und man hat ein Erfolgserlebnis. Gerade Hütehunde sind tolle Arbeiter und Jäger, das liegt in ihren Genen. So auch Fiasko.
Von Anfang an bekam ich von unserem Hundetrainer folgenden Denkanstoß mit auf den Weg: Entweder du beschäftigst deinen Hund oder er dich.
Ich entschied mich für die erste Alternative. Körperlich bekommt man einen Hütehund eh nur schwerlich müde, aber in der Verbindung mit geistiger Betätigung kann es gelingen. Klärung der Rangordnung ist unser Zauberwort.
Demokratie, Moral, Fairness, Gleichberechtigung kennen Hunde nicht.
Damit erziehen wir unsere Kinder, nicht unsere Vierbeiner. Das Vertrauen des Hundes basiert auf der Gewissheit, dass Alpha (=ich) für die tägliche Existenz sorgt. Dominanz, ggf. Ignoranz und Konsequenz geben dem Hund seine Struktur.
Natürlich ließe sich unendlich viel mehr schreiben, aber falls jemand neugierig auf meine Erfahrungen und Erlebnisse mit Natural Dogmanship geworden ist, darf sich gerne melden. Literatur gibt es seit Neustem auch:
Hunde erziehen mit Natural Dogmanship, Kosmos- Verlag, Autor J. Nijboer.
Aber bei allem was gelehrt wird und erlernt wurde, ist festzustellen, dass unsere tollen Hunde Individuen mit eigenen Persönlichkeiten sind. Keine Maschinen! ...und je dominanter und selbstbewusster unsere kleinen Wuschel sind, um so mehr sind wir gefordert, sie hundlich und nicht menschlich zu behandeln. Und Fiasko hat mich so manches Mal mehr (heraus)gefordert als mir eigentlich lieb war.
Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass Fiasko auch jetzt noch, im Alter von 3 Jahren, ein aufgeregtes Ding ist, wenn Neues und Spannendes kennen zu lernen sind, denn Natural Dogmanship verändert ja nicht das Temperament, aber es hilft uns, es in den Griff zu bekommen.
Und noch heute sehe ich sie im Alter von 7 ½ Wochen mit hoch erhobener Rute durch ihren spanischen Garten traben, sich weder um Mutter noch Geschwister scherend, bereit , die Alphastellung in unserem Rudel zu übernehmen. Wäre es so gekommen, hätten wir heute unser persönliches Fiasko. Obwohl Fiasko nicht die Rudelführung übernehmen durfte, hat sie sich ihr Selbstbewusstsein und ihre Respektlosigkeit von damals bis zum heutigen Tag erhalten. Und genau dafür liebe ich sie.
März 2003 Sabine Strunck
Gosdaturaclub


